Machtübernahme und Gleichschaltung: Die  Demokratie stirbt

Die städtischen Mitarbeiter marschierten unter Führung von Bürgermeister Heinrich Müller zur Stadthalle. Dort fand eine Feierstunde zum dritten Jahrestag der „Machtergreifung“ statt. Aufnahme vom 30. Januar 1936. Stadtarchiv Hannover


Nazis besetzen Gewerkschaftshaus Goseriede 4: Das 1910 errichtete hannoversche Gewerkschaftshaus besetzten die Nazis am 1. April 1933. Die Gewerkschaften wurden zerschlagen, Gewerkschaftler verfolgt, verhaftet, ermordet.
Karte: openstreet map, Foto: Privat


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Machtübertragung und Gleichschaltung

Am 31. Januar 1933 marschierten Fackelzüge durch das Brandenburger Tor in Berlin. Hindenburg hatte Adolf Hitler zum Reichskanzler ernannt. Schlag auf Schlag wurde Deutschland gleichgeschaltet:

  • 1. Februar 1933: Auflösung des Reichstages durch Reichspräsident von Hindenburg
  • 22. Februar 1933: 40.000 SS-/SA-Mitglieder ernannte der kommisarische preußische Innenminister Herman Görung zu bewaffneten „Hilfspolizisten“.
  • 28. Februar 1933: Am Morgen nach dem Brand des Reichstagsgebäudes nahmen die Nationalsozialisten die Tat von SA und SS zum Vorwand, um Grundrechte der Weimarer Verfassung zu kassieren, und Deutschland mit einer Terrorwelle zu überziehen; politische Gegner – in erster Linie Kommunisten - wurden inhaftiert, gefoltert oder liquidiert. In Hannover pferchte man 140 Gefangene der KPD einschließlich hochrangiger Funktionäre in das  Polizeigefängnis Hardenbergstraße und in das Konzentrationslager Moringen bei Göttingen. Der Schlag gegen die  Sozialdemokraten folgte kurz darauf:
  • Am 1. April 1933 stürmten SA und SS  ohne Gegenwehr das Gewerkschaftshaus in der Nicolaistraße  -  als erstes Gewerkschaftshaus in Deutschland – und hissten auf dem Dach die Hakenkreuzflagge. (s. Klaus Mersching: Die Besetzung des Gewerkschaftshauses in Hannover: 1. April 1933. Hannover: Offzin Verlag, 2008)

Die bürgerlichen Parteien lösten sich auf. Deutschland verwandelte sich innerhalb kurzer Zeit in eine Einparteien-Diktatur.

Augenzeuge berichtet

Hannover-Linden:

„Morgens, 5 Uhr, erschien die Polizei und holte uns aus den Betten. Wir erfuhren, dass in der Nacht der Reichstag gebrannt hatte. Mein Bruder und ich wurden mit Polizeieskorte durch die Straßen zur Wache am Klagesmarkt geführt. Von dort aus ging es mit einem Polizeiwagen in die Haftstation des Präsidiums in der Hardenbergstraße. Als wir eingeliefert wurden, waren schon 150 Bürger dort, - überwiegend Kommunisten, auch Sozialdemokraten, Parteilose und Gewerkschafter. Wir wurden in zwei große Säle gesperrt. Dann sortierte man. Ich kam in eine winzige Einzelzelle, in der schon drei Mann lagen". August Baumgarte (Kommunist, Mitglied im Kampfbund gegen Faschismus, überlebte Gefängnis und mehrere Konzentrationslager)

Brennpunkt: Das "rote" Hannover-Linden

Bereits am 8. Januar  1933 hatten sich rund 3000 SA- und SS-Leute auf dem Klagesmarkt versammelt und marschierten ins vermeintlich „rote“ Linden.

In der Charlottenstraße, Behnsenstraße, Dreikreuzstraße schlugen sie mit ihren Schulteriemen blindlings auf die Passanten ein. Auch ältere Frauen und Männer wurden brutal niedergeschlagen – aus Rache am bisherigen Widerstand von Kommunisten und Sozialdemokraten.Quelle: linden-und-der-nationalsozialismus-endzeitstimmung-und-beginnender-terror-1932-33
Verblüffend schnell konnten sich die Nationalsozialisten in Hannover etablieren. Selbst im als „rot“ geltenden Stadtteil Linden verstummten nach und nach die kritischen „linken“ Stimmen. Linden entwickelte sich zu einer riesigen Rüstungsschmiede mit der Hanomag als Mittelpunkt. Frühere Wähler von Sozialdemokraten und Kommunisten hatten Arbeit, Angst vor den Nazis und/oder wollten ihre familiäre und wirtschaftliche Existenz sichern. (Quelle: Dr. Heiko Arndt, "Linden und der Nationalsozialismus: Abgesang auf den Mythos"). Es  ging aufwärts, und man gewöhnte sich an den Status als Volksgenosse. Und man machte mit.




Abschluss der Machtübernahme in Hannover: Einführung des Bürgermeisters und der Senatoren im festlich geschmückten Rathaus.

 

                                  November 1933  Stadtarchiv Hannover

Gedenktafel am Lister Turm: „Zur mahnenden Erinnerung an die Zeit national-sozialistischen Terrors, in der die Menschenrechte, die Freiheit und die Gerechtigkeit missachtet wurden. Hier ermordete die SA am 22. 2. 1933 die Mitglieder des Reichsbanners Wilhelm Heese und Willi Grosskopf“

Foto: Privat



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Wissen + Verstehen = Anwenden:

 

Hitler und die Nationalsozialisten sind demokratisch gewählt worden (Reichtstagswahl 5. März 1933: NSDAP 43,9 %,  SPD 18,3 %, Zentrum 14,0 %, KPD 12,3 %).
Hauptgründe:
Parteien wie Kommunisten, Deutsch-Nationale und Nationalsozialisten bekämpften offen die freiheitliche Demokratie und verhöhnten das Parlament als „Quasselbude“. Hauptgegner der KPD: die als "Sozialfaschisten" verunglimpfte SPD (Quelle: 12. Reichsparteitag der KPD, Juni 1929).

Nur die SPD bekannte sich zur freiheitlichen Demokratie. Die gewünschte Bildung einer "Roten Einheitsfront gegen des Faschismus" wurde verhindert.  Quelle: Stiftung Deutsches Historisches Museum, Berlin 2015) https://www.dhm.de/lemo/kapitel/weimarer-republik/innenpolitik/kpd.html

 

Die alten Eliten (Aristokraten, Teile des Militärs, Großkonzerne) unterstützten Hitler, weil sie glaubten, sie

könnten ihn später „zähmen“.

 

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Hitler und die Nationalsozialisten wurden unterschätzt.

https://www.dhm.de/lemo/kapitel/weimarer-republik/innenpolitik/nsdap.html

"Nach der Reichstagswahl gab es wahre Austrittswellen in sämtlichen Parteien und so viele Eintritte in die NSDAP, dass eine Aufnahmesperre für "Märzgefallene" (wegen der Reichstagswahlen am 5. März) am 1. Mai 1933 in Kraft trat".                  (Quelle:  Stiftung Deutsches Historisches Museum, Berlin, 2015)

https://www.dhm.de/lemo/kapitel/ns-regime/etablierung-der-ns-herrschaft/einparteienstaat.html

Verlierer der Weltwirtschaftskrise und solche, die Angst vor einem sozialen Abstieg hatten - also weite Teile der Arbeiter und der Mittelschicht -, erhofften sich wirtschaftliche Vorteile von einem autoritären Führer und wählten die Nationalsozialisten.
Der zu erwartende Verlust der Freiheit, die sich bereits abzeichnende Verfolgung anders denkender Menschen, die Ausgrenzung von Juden, Sinti und Roma und die Hinarbeit auf einen neuen Krieg und vieles mehr blendeten große Teile der Bevölkerung damals aus.



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