Nazi-Täter – nur wenige wurden bestraft

SS- und Parteileiter
Friedrich Jeckeln (5. v. l.) begann seine SS-Karriere 1930 in Hannover;  Als SS-Obergruppenführer, General der SS und der Polizei war er verantwortlich für die Organisation der Massenmorde bei Kamenez-Podolsk, Babij Jar und Riga ("Rigaer Blutsonntag"), bei denen über 85.000 Juden erschossen wurden. Hingerichtet 1946 in Riga. Bundesarchiv Bild 146-1970-043-42, Lettland-Riga, Ankunft von Hinrich Lohse (3. v. links)  – Reichskommissar Ostland, verantwortlich für Raubzüge und Massenexekutionen der jüdischen Bevölkerung - mit Offizieren am Bahnhof.

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Unsere Erinnerung muss in erster Linie den Opfern dienen, die so gelitten haben und von denen so viele bestialisch ermordet wurden.
Aber auch an die Täter muss erinnert werden. Sie stammen überwiegend  aus der bürgerlichen Gesellschaft,  waren dementsprechend intelligent und gebildet. Dennoch folgten sie unkritisch einer menschenfeindlichen Ideologie. Sie -->

begingen in Hannover und Umgebung unvorstellbar grausame Verbrechen - in den meisten Fällen aus eigenem Antrieb. Hier werden stellvertretend für viele einzelne ausgewählte Täter vorgestellt. In späteren Gerichtsprozessen wurden nur wenige Täter bestraft. Viele der Bestraften entließ man vorzeitig aus dem Gefängnis. Die meisten Angeklagten führten zur Entschuldigung an, die Verbrechen seien ihnen befohlen worden


Parteileiter

Hartmann Lauterbacher (4. von links neben dem Stellvertreter des Führers Rudolf Heß vor dem Modell des geplanten Gauforums am Maschsee. Historisches Museum Hannover, 009986

Hartmann Lauterbacher war ab Dez. 1940 Gauleiter und Bevollmächtigter des Gaus Süd-Hannover/Braunschweig, 1941 auch Oberpräsident der Provinz Hannover und Reichsverteidigungs-kommissar.
Lauterbacher war verantwortlich für die Einpferchung der hannoverschen Juden in 15 sogenannte Judenhäuser als Vorbereitung für die Deportation ab 1941 in die Vernichtungslager ("Aktion Lauterbacher").
Er ließ Anfang April 1945 der Gestapo eine Liste mit etwa 150 Namen von Regimegegnern übergeben, die noch vor Einmarsch der Alliierten hingerichtet werden sollten. Er wurde 1946 und 1947 von britischen Militärgerichten freigesprochen. Deutsche Anklagen wurden 1959 eingestellt. Er war als Berater in Jugendfragen für verschiedene Regierungen im Nahen Osten und in Afrika  tätig, u.a. für den Sultan von Oman und Kwame Nkrumah in Ghana.


Gestapo-Täter

Johannes Rentsch,

Leiter Gestapoleitstelle Hannover 1943-1945.
Bundesarchiv R 9361
III/161929

Johannes Rentsch,
Oberregierungsrat und SS-Obersturmbannführer, Leiter Gestapoleitstelle Hannover 1943 – 1945.
NSDAP-Mitglied seit 1931 („alter Kämpfer“). Johannes Rensch befahl mindestens 59 Hinrichtungen in der Laubhütte in Ahlem. Er war der Btreiber der Selektion von 154 Gestapohäftlingen, die am 6. April 1945 auf dem Seelhorster Friedhof erschossen wurden. Nach dem Krieg tauchter er unter und wurde vom Kreisgericht-Dresden 1969 für tot erklärt.


Gestapo-Täter

Friedrich Wilhelm Nonne, Angestellter der Gestapo Hannover, National Archives Kew/GB

Wilhelm Nonne übte zusammen mit dem Gestapobeamten Hans Bremer eine Schreckensherrschaft in den hannoverschen Judenhäusern aus. In Ahlem hat er die Häftlinge in brutalster Weise misshandelt, weibliche Häftlinge vergewaltigt. Wiederholt forderte er Kollegen und Mitarbeiter auf, Häftlinge zu schlagen und sich an den Folter-Verhören zu beteiligen. Nach dem Krieg taucht er unter dem Decknamen Wilhelm Liliendahl unter und konnte erst 1949 in Braunschweig festgenommen werden. In zwei Prozessen - sein Verteidiger plädierte auf "Unzurech-nungsfähigkeit" - wurde Nonne wegen "Zugehörigkeit zur Gestapo und SS"   zu insgesamt sieben Jahren Gefängnis verurteilt. Im August 1954 - nach 5 Jahren Haft - vorzeitig entlassen. Für keines seiner Verbrechen in Ahlem hat man Nonne zur Rechenschaft gezogen.


Gestapo-Täter

Rudolf Batz, Jurist, Leiter Gestapo Hannover bis 1943. Bundesarchiv R 9361 III/4416

Unter der Verantwortung von Rudolf Batz wurden von Dezember 1941 bis Juni 1943 2.200 Juden aus dem Bereich der Gestapoleitstelle über Ahlem nach Riga, Warschau, Auschwitz und Theresienstadt deportiert. Batz lebte nach Kriegsende längere Zeit unter Falschnamen unbehelligt in Bielefeld. 1960 wurde er festgenommen und beging 1961 in der Untersuchungshaft Selbstmord.


Gestapo-Täter

Heinrich Joost, Kriminalkommisar, ab 1943 Leiter des Ostarbeiter-referats der Gestapo Hannover.

Bundesarchiv Berlin

Heinrich Joost,

Leiter des Ostarbeiterreferats der Gestapo Hannover. Joost hat die Gestapomitarbeiter in Ahlem angetrieben, die Häftlinge zu foltern und hat sich auch selbst an Misshandlungen beteiligt. Von Rentsch mit der Durchführung der Seelhorster Erschießungen beauftragt, drückte er sich unter einem Vorwand um das Kommando. Joost wurde 1948 von einem britischen Militärgericht und 1950 vom Spruchgericht Bielefeld zu insgesamt drei Jahren Gefängnis verurteilt, von denen er aber nur 22 Monate absitzen musste. Der Gestapobeamte Reinhold Plünnecke, der an seiner Stelle bei den Seelhorster Erschießungen das Kommando übernommen hatte, wurde 1946 von einem britischen Militärgericht in Braunschweig mit zwei weiteren Angeklagten zum Tode verurteilt. Während die beiden Mitverurteilten 1947 hingerichtet wurden, haben die Gerichte Plünneckes Strafe später in lebenslänglich, dann in 15 Jahre Haft umgewandelt, schießlich  wurde er 1954 amnestiert.


KZ-Täter

Portrait Otto Harder („Tull“) auf einem Fußball-Sammelbild der Zigarettenfabrik „Zuban“.
Janet Freifrau von Stillfried

Otto „Tull“ Harder

Populärer deutscher Fußballer (Hamburger HSV) in den 1920er Jahren. Otto Harder wurde als Kapitän der deutschen Nationalmannschaff gefeiert.
Ab August 1944 übernahme er als SS-Hauptscharführer und das Kommando über das KZ-Außenlagers Ahlem. Ihm unterstanden 60 SS-Männer, von denen der Rapportführer Wilhelm Damann besonders berüchtigt war. Er handelte mit äußerster Brutalität und hetzte oft seinen Hund auf die Häftlinge. Otto Harder und die ihm unterstellten SS-Männer und deutschen "Funktionshäftlinge" konnten in eigener Macht Häftlinge hinrichten - meist durch Erhängen in der Waschbaracke des KZ Ahlem. 

1946 verurteilte ihn ein britisches Militärgericht zu 15 Jahren Zuchthaus, ein deutsches Gericht begnadigte ihn nach 10 Jahren.

Otto Harder wurde noch 1974 in einer HSV-Broschüre als „Vorbild für die deutsche Jugend“ bezeichnet.


Justiz-Täter

Dr. Wilhelm Schmedes, 1939 – 1945 Landgerichtsdirektor und Richter am Sondergericht Hannover. Staatsarchiv Hannover Nds.700, Acc2004_58, Nr.17_0003

Gedenktafel Sondergericht im Amtsgericht,

Volgersweg 1
Das vom 1933 bis 1945 tagende  Sondergericht Hannover  verurteilte mehr als 7500 Verfolgte, fällte 210 Todesurteile und verhängte hohe Gefängnis- und Zuchthausstrafen. Keiner der  Richter und Staatsanwälte wurde nach Kriegsende zur Rechenschaft gezogen.

Fotos: Privat, Karte: openstreetmap

Dr. Wilhelm Schmedes

Mitwirkung an ca. 900 Prozessen und 80 Todesurteilen, die überwiegend in der Hinrichtungsstätte Wolfenbüttel vollstreckt wurden. 1950 – 1952: Im Entnazifizierungsverfahren als „entlastet“ eingestuft. Als Richter am OLG Celle eingestellt. Zwei Ermittlungsverfahren wegen Rechtsbeugung 1951 und 1960 eingestellt. 1952 – 1962 Landgerichtsdirektor beim Landgericht Hannover. 1962 in den vorzeitigen Ruhestand versetzt. Keines der vom Sondergericht Hannover gefällten Todesurteile wurde aufgehoben, kein Opfer wurde rehabilitiert.


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