Opposition zur Hitler-Jugend in Hannover: die "Schniegels"

Schnappschuss  von Schülern der Lutherschule  im Landheim in Bredenbeck beim Swing tanzen 1942. Historisches  Museum 008810


Haare ab und ins Gesicht gespuckt

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Seit der Jugendschutzverordnung vom 9.3.1940 war Jungen und Mädchen unter 18 Jahren der Aufenthalt auf der Straße nach Einbruch der Dunkelheit untersagt. Und es gab Kleidervorschriften. Jungen trugen kurz geschnittenes Haar, dazu HJ-Uniform, die Mädchen deutsche Zopffrisuren - und ungeschminkt sollten sie sein. Für die Einhaltung der Vorschriften sorgten reichsweit knapp 50.000 Hitlerjungen, die im Streifendienst* die Kleiderordnung kontrollierten. Sie schnitten Jungen zu lange Haare ab und spuckten geschminkten Mädchen ins Gesicht.


„Schniegels“ widersetzten sich der Deutschtümelei der Hitler-Jugend
Und doch gab es ca. 5 – 10%  Jugendliche, die sich der HJ widersetzen. Sie waren mit 14 – 18 Jahren nicht mehr schulpflichtig, nicht organisiert, sie fanden HJ-Uniformen, HJ-Lieder, Zöpfe idiotisch und lehnten Staat und Bewegung ab (Interview  Michael Bayartz mit Günter Bode, Großburgwedel,14.3. 1989, Stadtarchiv Hannover).

Das „endgültige Verbot des Nigger-Jazz“ im Radio durch den Reichssendeleiter Eugen Hadamovsky bewirkte bei der kritischen Jugend das Gegenteil: Die Swing-Jugend in vielen deutschen Städten - von den Nazis verächtlich als „Swing-Heinis“ bezeichnet - begeisterten sich für amerikanische Revue-Filme wie „Broadway-Melodie“ (1936), Swing-Musik und englisch wirkende Kleidung.

*Etwa 150 Jungen der Hitler-Jugend Hannovers  kontrollierten  besonders Abends in kleinen Gruppen andere Jugendgruppen:  allgemeines Verhalten, Besuch von Lokalen und  Überwachung der Jugendherbergen. Ab 1938 wurden die HJ-Streifen von Mitgliedern der Geheimen Staatspolizei begleitet.

In Hannover trugen die „Schniegels“ – so nannten sie sich -  taubenblaue Hose, blau/weiß kariertes Jackett, blaue Schuhe mit weißen Streifen, weiße Sohle, hellblaues einfarbiges Hemd, dunkelblaue Krawatte.

Ihre Lebensauffassung unterschied sich grundsätzlich von der Deutschtümelei der Hitler-Jugend: Jungen mit oft bis zum Kragen reichendem Haar (27 cm)  und Mädchen mit ebenfalls langen, offenen Haaren, Augenbrauen nachgezogen, Lippen gefärbt und Fingernägel lackiert.

Man traf  sich im Strandbad am Maschsee und hörte vom Koffergrammophon Platten von Louis Armstrong, Ella Fitzgerald, Count Basie und Duke Ellington. Kontrollierte eine HJ-Streife, gab es  Streit. Regelmäßig gingen Platten zu Bruch.

Das heute noch bestehende GOP, das  Wiener Cafe an der Ecke Bahnhof-/Georgstraße (heute Hennes & Mauritz) und die Tanzlokale im Dreieck Georg-, Karmarsch- und Ständehausstraße zeigten in der  Eingangstür „Swing tanzen verboten!“. Daran hielten sie sich nicht:  das berühmte Big-Band-Stück „Pennsylvania 5-6000“ von Benny Goodman wurde z.B. zur Tarnung in „Berlin 4711“ umbenannt und weiter gespielt. Kontrollierte eine Feldjägerstreife erklang Tango, solange bis die Kontrolle beendet war. (Zeitzeuge Günter Bode, Stadtarchiv Hannover)


In der Lutherschule bestand 1942 -1945 der Deutsche Swing-Club mit 200 Platten und eigenem Mitteilungsblatt (DSC-Kurier). Briefe beendeten die Luther-Schüler gern mit „Swing-Heil“.



Günter Bode gründete 1938 als Schüler eine Swingband  „mit 4 Leuten aus meiner Klasse  Mittelschule 1, Meterstraße“ – heute Otfried-Preußler-Schule. Gespielt wurde in einem Heim am Pferdeturm. „Swing war für uns die Musik der Freiheit, der Liebe“. Foto Mario Bode

Broadway-Sterne an der Leine: Anzeige des Palast-Theaters in der Adolf-Hitler-Straße 3 im Hannoverschen Anzeiger 15. Mai 1936

Blick von der Georgstraße zur  Kreuzung Kamarschstr./Adolf-Hitler-Str.(heute Bahnhofstraße) auf das  Eckhaus Wiener-Café (rot umrahmt) – eines der großen Swing-Lokale Ende der 30er Jahre.   Rechts die Kuppel des Café Kröpcke. Foto: Werner Heine

 

Im Georgspalast  GOP – „dem besten Swing-Lokal mit den größten Orchestern“(Günter Bode)- spielte das holländische  Orchester John Kristel Swing, eine Musik, die den nationalsozialistischen Machthabern als "entartet" galt, aber die "jugendlichen Enthusiasten in Jazztaumel versetzte".                     Aus Buch „Ein Club macht Jazz, 1991“



„Wenn Du den Plattenspieler zu laut machst, kommst Du nach Moringen“

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Wegen ihrer Anziehungskraft auf die Jugend erschien den Nazis Aussehen und Musikbegeisterung der Swing-Heinis  gefährlich. Der HJ-Streifendienst mit Unterstützung der SA durchkämmte Lokale und „dunkle“ Viertel, denn Jugendliche unter 18 Jahren durften nicht in der Öffentlichkeit „herumlungern“ und mussten um 22.00 Uhr zuhause sein. Häufig gab es Prügeleien zwischen Swing-Heinis und Streifendienst.
Eine Gruppe von 50 bis 60 männlichen und weiblichen Swing-Fans – die „Schlangenhaus-Innung“- traf sich zwischen 1941 und 1943 am Rand der Eilenriede hinter dem Zoo, wo sich eine  Reihe von halbkreisförmigen Bänken überdacht mit einem „geschlängelten“ Gestänge befand. Regelmäßig veranstalteten 15 – 16Jährige  lautstarke Swing- und Tanzfeten.

Der Reichsführer der SS, Heinrich Himmler, wies die Polizei 1942 an, Swing-Heinis zu verhaften „samt unterstützender Lehrer“  und sie ins Konzentrationslager zu bringen. Dort sollten „alle zunächst durchgeprügelt werden, sodann exerzieren und harte  Arbeit leisten“. Eltern, die ihren Kindern gestatteten, sich der Swing-Jugend anzuschließen, sollten ebenfalls in KZs eingewiesen werden und ihr Eigentum sollte beschlagnahmt werden. (Quelle: Lewis: die Geschichte der Hitler-Jugend, S. 90)
Mehrere Razzien 1942 setzten der Schlangenhaus-Innung ein Ende. Die „Rädelsführer“ der Schniegels  liefen Gefahr, in das berüchtigte Jugend-KZ Moringen eingeliefert zu werden, wo sie mit Arbeit, Einzelhaft, Essensentzug und Prügelstrafen „erzogen“ werden konnten. Für Mädchen ab 14 Jahre drohte die Einweisung  in das Mädchen-KZ Uckermark in Nordostbrandburg.



Wissen + Verstehen = Anwenden

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Amerikanische Tanzmusik eroberte in den 20er und 30er Jahren die Welt.  Anstelle von Walzer und Polka tanzten junge Paare Charleston, Blues und Swing – eine Musik, die wesentlich  vom Rhythmusgefühl afroamerikanischer Musiker bestimmt war.
Das passte nicht in die Weltanschauung der deutschtümelnden  Nazis. Bald hieß es in den  Tanzlokalen: „Swing tanzen verboten!“. Gerade das Verbot, sich für Neues, Internationales zu öffnen,  bewirkte bei einem Teil der städtischen Jugend das

Gegenteil. Als stiller Protest gegen den als spießig empfundenen Uniformauftritt von Hitler-Jugend und BDM schwänzte man den HJ-Dienst,  trug englische Klamotten, ließ die Haare wachsen  und schminkte sich als Mädchen  – obwohl das angesichts von HJ-Streifendiensten nicht ungefährlich war.
Deine Meinung:  war dies ein echter Widerstand gegen den Nationalsozialismus?   Oder  ein aus heutiger Sicht wohltuendes  „aus der Reihe tanzen“ im  totalitär  ausgerichteten NS-Staat ?
Was kann bürgerlicher Ungehorsam in Gesellschaft und Politik bewirken?